Ein neuer Streik der Lufthansa-Piloten zeigt am heutigen Montag und am Dienstag die große Kampfbereitschaft des Flugpersonals. Er ist Teil der wachsenden Mobilisierung der europäischen und internationalen Arbeiterklasse.
Schon am 10. April hatten rund 19.000 Lufthansa-Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter die Arbeit niedergelegt und den Flugbetrieb lahmgelegt. An diesem letzten Tag der Osterferien fielen in Frankfurt 580 von insgesamt 1.350 geplanten Flügen aus, in München waren es über 400, und auch in Leipzig/Halle, Berlin, Düsseldorf, Hamburg, Köln/Bonn, Stuttgart, Hannover und Bremen mussten Flüge gestrichen oder umgebucht werden.
Zu dem Streik hatte die Gewerkschaft UFO das Kabinenpersonal der Lufthansa und ihrer Tochter Cityline aufgerufen. Die Streikenden hatten sich in Urabstimmungen mit überwältigender Mehrheit für den Arbeitskampf entschieden: Bei der Lufthansa, wo es darum geht, massive Verschlechterungen im Manteltarifvertrag abzuwehren, haben 94 Prozent, bei Cityline sogar 99 Prozent der Mitglieder für Streik votiert.
Bei Cityline sind die Crews nicht nur damit konfrontiert, dass der Lufthansa-Vorstand unter CEO Carsten Spohr längst überfällige Lohnerhöhungen immer weiter hinauszögert, sondern die Fluggesellschaft Cityline steht bis Ende dieses Jahres überhaupt vor der Abwicklung. 800 Stellen im Cockpit und in der Kabine sind akut bedroht.
Gleichzeitig wird die (fast namensgleiche) neueste Lufthansa-Tochter City Airline als Billiglinie weiter ausgebaut, um die Löhne und Bedingungen der älteren Gesellschaften zu unterlaufen. So sind seit Jahren immer neue Flugtöchter – Germanwings, Eurowings, Discover, Cityline und City Airline – gegründet worden, um die Beschäftigten der älteren Fluglinien zur Akzeptanz schlechterer Konditionen zu zwingen.
Lufthansa setzt seine Crews derart brutal unter Druck, dass damit sogar die Sicherheit ihrer Flüge gefährdet ist. Darüber berichtete das Luftfahrt-Portal aero.de vor einigen Monaten unter dem Titel: „Piloten von Cityline unterlaufen mehr Fehler als sonst“. In dem Bericht, der aus einem internen Memo der Flugsicherheitsabteilung von Cityline zitiert, heißt es:
In der Umbruchphase verzeichnet die Flight-Safety-Abteilung einen Anstieg „untypischer Fehler“ in Cityline-Cockpit (…) Die Flugsicherheitsabteilung von Lufthansa Cityline dokumentiert seit einigen Monaten vermehrt fliegerische Fahrigkeiten, „die nach Aussage der jeweils betroffenen Crew im direkten Zusammenhang mit hoher emotionaler Belastung im Zusammenhang mit den Veränderungen in der Firma stehen“. (…) Das Memo zu Cityline kreist Zwischenfälle ein, die unter erhöhter Arbeitsbelastung der Crews stattfanden (…)
Provokativ hat sich Lufthansa während des Streiks am Freitag mit ihrer Hausgewerkschaft Verdi auf einen Tarifabschluss für die City Airlines geeinigt, deren Beschäftigte bisher ganz ohne Tarifvertrag gearbeitet hatten. Der Tarifabschluss sieht eine dreijährige Laufzeit vor, ist also mit einem jahrelangen Streikverzicht verbunden. City Airlines mit Sitz in München soll künftig im Regional- und Zubringerverkehr die Flüge übernehmen, die bisher Cityline ausgeführt hatte, während Discover mehr und mehr die Lufthansa-Flüge im Langstreckenverkehr übernehmen soll.
Die Streiks hat der Lufthansa-Vorstand als „verantwortungslos“ kritisiert, zumal das Unternehmen infolge des Iran-Krieges derzeit mit einem starken Anstieg des Kerosinpreises zu kämpfen habe. Jens Ritter vom Vorstand Lufthansa Airlines beschwerte sich am Freitag bitter über den Streik: „Wir bieten heute schon die besten Bedingungen in der Branche an“, behauptete Ritter. „Noch bessere Arbeitsbedingungen zu verlangen und noch dazu an einem Wochenende mit Osterrückreiseverkehr zu streiken“, das sei „vollkommen unverständlich und inakzeptabel“.
Schon früher hatte Ritter über die Forderungen der Piloten in einem Interview erklärt: „Unsere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit erlaubt schlichtweg keinerlei Mehrbelastungen.“ Dafür habe Lufthansa „nicht ansatzweise das Geld“.
Allerdings gehört Lufthansa zu den DAX-Konzernen, die weiterhin großzügig Dividenden ausschütten, während sie die Arbeitsplätze und Bedingungen der Beschäftigten angreifen. Während der Kranich-Konzern seit zwei Jahren auf einem harten Sanierungskurs („Turnaround“) ist und gerade in der Verwaltung jede fünfte Stelle, rund 4.000 Stellen, abbaut, wird er zur Jahreshauptversammlung am 12. Mai rund eine Viertelmilliarde Euro an Dividenden an seine Aktionäre ausschütten.
In Wirklichkeit hat Lufthansa ihre Gewinne im letzten Jahr deutlich steigern können. In seinem „Brief des Vorstands“ schrieb CEO Carsten Spohr im Februar 2026, der Gewinn habe sich im Geschäftsjahr 2025 um 4 Prozent auf 1,1 Milliarden Euro gesteigert. „Insgesamt waren im Geschäftsjahr 2025 alle unsere Airlines profitabel.“
Um dies weiterhin zu sichern, setzt Lufthansa seine Beschäftigten in der Kabine und im Cockpit immer stärker unter Druck. Lufthansa-Beschäftigte sind zwar nicht, wie bei Cityline, unmittelbar von Entlassung bedroht, aber bei ihnen geht es darum, massive Verschlechterungen im Manteltarif und eine ständige Steigerung der Arbeitsbelastung abzuwehren. Lufthansa hat die Planbarkeit der Einsätze verschlechtert, die Kündigungsfristen verkürzt und die Anzahl der Arbeitsstunden im Monat angehoben.
Die Purserin Katja T. (59) sagte dem Hessischen Rundfunk am Freitag: „Ich finde ja, die Flugzeuge gehören in den Himmel und geflogen, aber wenn die Arbeitsbedingungen so eklatant verschlechtert werden – und das ist wirklich ein Katalog des Grauens –, dann geht es nicht anders. Dagegen muss man sich zur Wehr setzen.“ Ihr größter persönlicher Frust sei „das Gefühl, dass man gegen uns kämpft. Man sieht uns einfach nur als Kostenfaktor.“
Auch die Piloten werden vom Vorstand seit Monaten hingehalten. Sie kämpfen seit Jahren gegen die Verschlechterung ihrer Übergangsgelder und Betriebsrenten, die für Pilotinnen und Piloten lebenswichtig sind. Nur die wenigsten von ihnen sind in der Lage, den Beruf mit ständiger Zeitverschiebung, Klimawechsel und permanent unterschiedlichen Arbeitszeiten bis zum gesetzlichen Rentenalter auszuüben. Lange Zeit konnten Lufthansa-Piloten ab 55 Jahren mit einem festen Übergangsgeld in Rente gehen. Das wurde 2017 – mit Zustimmung der Gewerkschaft Vereinigung Cockpit – geändert.
Aufgrund der großen Unzufriedenheit mit der Situation hat die Gewerkschaft VC für diesen Montag und Dienstag erneut die Piloten zum Streik aufgerufen. Es ist nach dem Tagesstreik vom 12. Februar und einem zweitägigen Streik Mitte März bereits der dritte Pilotenstreik in diesem Jahr. Aufgerufen sind diesmal sowohl die Piloten der Lufthansa AG und der Lufthansa Cargo als auch der Cityline und (nur für Montag) der Eurowings. Weitere Konflikte gibt es derzeit im LH-Bodendienst, wo 20.000 Beschäftigte um ihre Löhne und Bedingungen kämpfen.
Der jüngste Pilotenstreik ist nun schon der vierte große Streik gegen Lufthansa innerhalb von zehn Wochen. Diese Arbeitskämpfe sind Teil einer wachsenden Mobilisierung der Arbeiterklasse in ganz Europa.
Allein am letzten Wochenende haben in Irland Tausende den vierten Tag in Folge gegen die hohen Kraftstoffpreise protestiert; in Korsika haben französische Fischer den Hafen lahmgelegt und unter anderem mehrere Kreuzfahrtschiffe zum Abdrehen gezwungen; in Belgien wurden die Haftanstalten bestreikt, und in Lissabon haben Metro-Beschäftigte den öffentlichen Nahverkehr lahmgelegt. Seit Wochen kommt es in Italien, Griechenland und Spanien zu massenhaften Streiks und Protesten gegen den Genozid in Gaza. In den USA streiken immer wieder neue Schichten der Arbeiterklasse: militärische und zivile Boeing-Beschäftigte, Krankenschwestern, Lehrer, Autoarbeiter, während Millionen gegen Trump auf die Straße gehen.
Um im Konflikt mit den Oligarchen und Aktionären auf Kriegskurs, die in der Wirtschaft die Angriffe auf Arbeitende diktieren, zu bestehen, braucht die Arbeiterklasse jedoch eine neue Perspektive und Führung, die der Lage gewachsen ist. Die Internationale Arbeiterallianz der Aktionskomitees (IWA-RFC) ruft alle Arbeitenden dazu auf, eine globale Bewegung der Arbeiterklasse gegen Krieg und soziale Angriffe aufzubauen. Gerade die Luftfahrtbeschäftigten werden dabei eine entscheidende Rolle spielen. Sie stehen im Kampf gegen globale Konzerne. Nicht nur werden sie weltweit gemeinsam ihre Rechte, Löhne und Bedingungen verteidigen, sondern auch dazu beitragen, alle Waffen für Krieg und Völkermord zu stoppen, Einwanderer, Geflüchtete und Migranten vor Abschiebung zu schützen und die Arbeiterklasse international zu verbinden.
Dieser Kampf muss sich nicht nur gegen die Oligarchen und imperialistischen Regierungen richten, sondern auch gegen die Gewerkschaftsapparate aller Couleurs. Sie vertreten im Grunde die Interessen der jeweiligen nationalen Konzerne und Regierungen. Sie spalten die Arbeitenden nach Betrieben, Branchen und Nationen. Auch die Spartengewerkschaften wie VC oder UFO sind keine Ausnahme, geschweige denn die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, die ganz offen mit dem Konzern gegen die Streikenden paktiert.
Die Gewerkschaften kämpfen nicht gegen die Massenentlassungen. Schlimmer noch, sie helfen dabei, die Entlassungen durchzuführen. Ein sprechendes Beispiel dafür ist UFO, die auf das Abwickeln der Cityline lediglich mit der Forderung nach einem Sozialplan reagiert. UFO schreibt als ihre Streikforderung: „Abschluss eines Tarifvertrags Sozialplan mit den unten aufgeführten Inhalten“, und führt dann im Anhang Punkte auf wie Kündigungsfristen bis zu maximal 18 Monaten, Abfindungen und Ansprüche im Falle des Wechsels in einen anderen Flugbetrieb. Dies alles setzt die Abwicklung der Cityline voraus. Mit anderen Worten: UFO hat die Schließung akzeptiert.
